Der Abend, an dem die Wahrheit zur Tat wurde

Ach ja, das war ihr Abend.

Nicht etwa irgendein Abend, lesend im Bett, schmachtend bis zum Einschlafen.

Nein, dies war der Abend der Abende. Die Nacht der Nächte!

Das klang kitschig. Hatte sie es aus einem Film? Und wenn schon...

"Peeeeteeeer", seufzte sie in Gedanken. Oder vielleicht doch etwas lauter? Katrin ihre Freundin stieß ihr den Ellbogen in die Rippen.

"He, was soll das?", protestierte sie.

"Na, grunz nich so rum, Ina-Susanne, sie tut´s jetzt gleich! Das willst Du doch wohl nicht verpassen?

"Hm?" Und dann sah sie es. Ja, ganz unzweifellos, sie würde es tun. Die dicke Regine griff proper nach der Flasche und wie proper sie doch war! Wohlgenährt dank der nahrhaften Kost ihrer Mutter. Dieser Kost hatte sie es wohl auch zu verdanken, daß sie keiner leiden konnte. Oh, natürlich war sie auch schnippisch. Man konnte schließlich nicht sagen, daß ihre Klassenkameraden aus der 4b oberflächlich wären.

Wie schnippisch sie schon nach der Flasche griff! Proper und schnippisch.

Ina-Susanne ließ ein leises "Pffff!" vernehmen und rümpfte die Nase.

Jeder der anwesenden Partygäste, die in dem Tapeten- und Wohnaccessoiresgeschäft von Regines Eltern auf einem Stapel Kelimteppiche lagerten, aber auch jeder wußte, an wen sie dachte, als sie die Flasche schwungvoll drehte: An Peter!

Peter, der stattliche, blondbeschopfte Junge aus der 4a. Regine hatte die gesamte 4b der örtlichen Grundschule zu ihrem Geburtstag eingeladen, 24 Personen - sicher nur um den Reichtum ihrer Eltern zu zeigen. Denn ein Tapeten- und Wohnaccessoiresgeschäft besaß schließlich nicht jeder. Wie proper und schnippisch! Und Peter hatte sie auch eingeladen! Den Einzigen aus der 4a.

Ach, Peeeeeteeeeer.

Ina-Susanne stand tausend Tode aus. Die Flasche drehte sich schwungvoll und Ina-Susanne krallte sich in dem Kelim fest. Weiter, weiter, weiter....

Sie atmete auf. Klaus hatte es getroffen. Na, keine schlechte Wahl, jedenfalls für Regine. Klaus paßte nur zu gut zu ihr. Vielleicht hätte er ein wenig dicker sein können. Aber wenn er und Regine erst mal verheiratet waren, würde der schmächtige Bursche in den Händen ihrer Mutter sicher prächtig gedeihen. Und heiraten würden sie wohl unzweifellos, denn die Flasche, die Regine gedreht hatte, deutete anklagend auf ihn.

Klaus versuchte immer noch seinen schmalen Körper aus der Schußrichtung zu drehen - vergebens.

Ina-Susanne sah wieder zu Regine hinüber, deren rundliches Gesicht nicht gerade zufrieden aussah. Ja, es korrespondierte nahezu mit Klausens.

"Nun, ich werde noch mal drehen", verkündete sie.

Bevor Katrin es verhindern konnte sprang Ina-Susanne auf. Drohend erhob sie sich auf dem Teppichstapel. "Oh, nein!" platzte sie heraus. "Das ist gegen die Regeln!"

"Ist es nicht!" riefen Regine und Klaus wie aus einem Munde. Wie gut sie doch zusammen paßten!

"Ich habe Geburtstag! Ich drehe nochmal!" Noch einen Tick lauter und Regines Mutter würde ganz sicher herein stürzen und ihre Tochter rächen.

So verlegte sich Ina-Susanne auf ein gemurmeltes: "Wie schnippisch du bist!" und setzte sich wieder.

Katrin zog an ihrem Arm und raunzte ihr zu: "Bleib ruhig! Sie wird sicher wieder nicht treffen, denn ihre Chancen sind eins zu fünfundzwanzig!"

Derart beruhigt lehnte sich Ina-Susanne zurück und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Und sie kamen, sie kamen gewaltig!

"NEEEIIIINNN!" Sie warf sich vor um die Flasche in ihrem Lauf zu stoppen, doch es war zu spät: sie zeigte auf -

"Peeeeeteeeeer!" Regine warf sich ihm an den Hals, so daß er heftig ins Wanken kam.

"Halt! Stop!", protestierte Ina-Susanne. "Das Spiel heißt Tat oder Wahrheit, du mußt doch jetzt erstmal..."

"Muß ich nicht!"

Ina-Susannes Unterkiefer klappte so heftig herunter, daß es hörbar knackte. Natürlich hörte das niemand, denn alle lauschten dem lauten Schmatzer, den Regine dem wehrlosen, dem armen, schnuckligen Peter gerade mitten auf den Mund drückte.

Das war ein Skandal!

Ina-Susanne sprang erneut auf und trennte die beiden voneinander. Wie ein Racheengel stand sie zwischen ihnen. Ja, sie würde Peter rächen! Warum leuchteten seine Augen bloß so? Sicher Einbildung...

"Jetzt bin ich dran!" zischte sie erbost und funkelte Regine an.

"Nein", erhob sich das zarte Stimmchen von Claudia, "ich komme nach Regine."

"ICH BIN DRAN." wiederholte Ina-Susanne mit einer Grabesstimme.

Regine ließ sich erschrocken auf ihren dicken Popo fallen. Keiner wagte es Ina-Susanne aufzuhalten.

Die Flasche kreiselte. Sie zitterte ein wenig als sie an Rolf vorbeikam. Rolf, Manni, Frank, Sebastian, Ingo, Klaus ... Peter.

Triumphierend schrie sie auf! Eine Ina-Susanne von und zu Schnappbergen brauchte keine zwei Versuche! Ha!

"Ha!" Sie wandte sich in Peters Richtung.

"Schnapp ihn dir!", rief Katrin.

"Nein!", rief Regine.

"Nein!", riefen alle anderen.

Doch es war zu spät. Eine Von und zu Schnappbergen ließ sich nicht aufhalten. Heute war die Nacht der Nächte, der Kindergeburtstag der Kindergeburtstage!

Oh, der süße Peeeeteeeer. Schon hatte sie ihre Arme um seinen Hals geschlungen, den Mund gespitzt, die Augen geschlossen - Peter ruckte zurück, aber das sah sie nicht - und schmatzzzzzz.

Ahhh, süße Genugtuung, süßer Peter. Jetzt gehörte er ihr!

Sie öffnete die Augen, um ihrer Beute ein nonchalentes Lächeln zu gönnen. Aber wo war er denn? Warum starrten sie sie alle bloß so entsetzt an? Ja, sogar Katrin tat´s!

"Das war vielleicht etwas heftig", brachte Katrin hervor.

"Was? Wieso?"

Wie ein Mann wiesen sämtliche Partygäste inklusive der Gastgeberin auf ein grünes Etwas, das auf dem grell bunten Kelim direkt vor Ina-Susannes Füssen saß.

Der Frosch sah eindeutig unglücklich aus.

Und Regine eindeutig recht wütend. "O, Ina-Susanne von und zu Schnappbergen! Deine Mutter hat dir gesagt, du sollst niemanden küssen! Dreimal! Und uns hat sie´s auch gesagt! Der arme Peter!"

Ina-Susanne schluckte. War denn schon wieder Vollmond? Konnte sie denn etwas dafür, daß sie in direkter Linie von der Unglücksseligen abstammte, die damals einen Frosch geheiratet hatte und der die Gebrüder Grimm, ob ihres schrecklichen Schicksals, ein Märchen widmeten?

Ganz sicher nicht!

Sie grummelte, denn die Nacht der Nächte hatte sie sich doch ein wenig anders vorgestellt. Was Peter doch für ein Waschlappen war!

Regine hob den Frosch auf. Entdeckte sie da gerade Charaktergröße an ihr? Ihre Schnippigkeit nur ein Vorwand?

"Komm, Peter!", sagte sie. "Ich setz´ dich in mein Terrarium."

Copyright 2006-2009 Stefanie Dettmers