Saharagelb

Das übliche Baumarkt-Szenario: stundenlang sucht man sie, sieht sie am Ende kilometerlanger Regalwände auf- und wieder abtauchen und wenn man ihnen hinterher geht, sind sie plötzlich verschwunden. Baumarktverkäufer sind scheue Rehe.

Uwe wußte das und deshalb hatte er diesmal auf langes Suchen verzichtet. Selbst ist der Mann. Und bei genauerer Betrachtung war das Regal mit den Dispersionsfarben auch nicht die geschätzten tausend, sondern vielleicht nur einige hundert Meter lang. Es wäre doch gelacht wenn…

"Pardon, kann ich Ihnen helfen?"

Fast hätte er geschrien. Im Baumarkt angesprochen zu werden, damit hatte er nicht gerechnet. Und ein gehetzter Blick über die Schulter verschaffte ihm Anlass zu neuer Panik: da stand kein gelangweilter Verkäufer im lässig-legeren Kitteloutfit, keine schlecht blondierte Kassenschönheit, die heute ihren hilfsbereiten Tag hatte, ein überdimensioniertes Hörnchen hatte ihn angesprochen. Sein buschiges Kunstfellschwänzchen wippte freundlich.

"Was?"

"Ich fragte nur, ob ich Ihnen vielleicht behilflich sein kann?"

Es schien tatsächlich so zu sein, wie erschreckend. "Warum?", rang Uwe sich ab.

Grinste das Ding? "Wir haben heute Hörnchen-Aktions-Tag, mein Herr."

Er wollte nicht sein Herr sein, aber er hatte eine konkrete Frage. Seine Hand richtete sich auf einen 10-Liter-Farbeimer Meister Streichfix. "Haben Sie das auch in Saharagelb?" Er richtete sich ein auf die üblichen blöden Ausreden: sahara-was? da muß ich den Kollegen fragen… für 10 Euro mehr liefern wir die Wüste Gobi frei Haus…

"Bedaure, mein Herr, Saharagelb ist ausverkauft. Die neue Lieferung wird voraussichtlich erst in zwei Wochen eintreffen. Ich bedaure außerordentlich."

Uwe kniff die Augen zusammen und versuchte durch die Sehschlitze im Pelz des Hörnchens zu erkennen, ob Prince Charming persönlich darunter steckte. Nichts zu erkennen, nur freundliche, braune Augen, die auf seine Antwort zu warten schienen.

"Ausverkauft? Ach je… Und ich muß das Wohnzimmer noch diese Woche fertig kriegen! Kann man da nichts machen?"

"Ich könnte Ihnen Savannenocker empfehlen."

Ah, jetzt kamen sie der Sache schon näher. Bestimmt kostete diese sagenhafte Farbe bloß knapp das Doppelte des Saharagelb von Meister Streichfix. Uwe witterte Betrug. "Tja, tut mir leid, ich brauch Saharagelb!"

"Savannenocker kommt dem im Farbton sehr nah. Es handelt sich lediglich um eine leichte Abstufung-"

"Hören Sie, ich brauche Saharagelb, meine Frau bringt mich um, wenn ich mit was anderem komme. Können Sie das nicht kurzfristig besorgen?"

"Creme Caramel?"

"Sie Schmalspurhörnchen! Gelb! Ich brauch Gelb!"

"Sie brauchen ja nicht gleich unhöflich zu werden! Es ist heute unser Aktionstag und ich wollte Ihnen bloß-"

"Ah, und da glauben Sie mir einfach so etwas aufschwatzen zu können, ja? Sie können sich ihren Aktionstag sonst wohin stecken! Ich hab nur eine Woche Urlaub bekommen und ich muß die Bude streichen, verflixt! Dazu brauch ich Saharagelb! Verstehen Sie mich etwa nicht? Sa-ha-ra-gelb! Das ist eine bestimmte Art von Gelb!"

Das Hörnchen wippte ihm überraschend schnell entgegen. "Ich verstehe Sie sehr gut. Ich verstehe Sie sogar außerordentlich gut! Ich fürchte nur, Sie verstehen mich überhaupt nicht! Was wissen Sie schon von Farbe? Was sagt einem wie Ihnen der Glanz von lichtem Ocker? Der warme Ton von pompejanischem Rot? Nichts wie ich vermute! Für Sie sind Waterhouse und Morris doch englische Topkneipen, der geschickte Umgang William Turners mit dem Licht erinnert Sie vermutlich bestenfalls daran, morgens lieber später aufzustehen, sagt Ihnen der Name Ingres etwas oder heißt so das Parfum der werten Gattin? - Ach, was soll´s?" Eine haarige Pfote winkte entnervt ab. "Wem erzähl ich das eigentlich? Jemandem der sein Wohnzimmer Gelb streichen will. Gelb!" Das Tier drehte sich um und schlurfte frustriert den Gang hinunter, wohl in die Untiefen, aus denen es gekommen war.

"Saharagelb", murmelte Uwe ihm hinterher, bevor sein Kiefer eine rasche Abwärtsbewegung vollzog.

So stierte er dem Biest noch eine Weile nach und fragte sich, ob er - Teufel auch - diesen Ingres wirklich kennen sollte und was der mit seinem Wohnzimmer zu tun haben könnte, dann tippte ihm plötzlich jemand auf die Schulter. Er fuhr auf dem Absatz herum, doch es war nur ein Mann im Baumarktkittel. Sein Namenschild wies ihn als "Abteilungsleiter Adamski" aus.

"Haben Sie unser Maskottchen gesehen?", wollte er wissen.

"Das Hörnchen ist weggegangen", nuschelte Uwe. "Es war verärgert."

Adamski schüttelte den Kopf. "Verdammte Studenten! Nix wie Stress hat man mit denen! - Hat er sie angegriffen? Wenn ich den erwische!" Aufgebracht stürmte er davon.

"Warten Sie doch … warten Sie … ich brauch doch bloß … bloß Saharagelb … "

Doch der Mann war schon weg. Endlich war es so wie immer. Uwe kicherte aufgebracht. Lieber wie ein Arschloch behandelt werden, als am Dispersionsfarbenregal mit Intellekt überschüttet. Den konnte er schließlich auch zuhause haben, bei einer Flasche Bier auf dem Sofa, wenn er den Fernseher in seinem schön gestrichenen Wohnzimmer anschaltete.

"Ach ja", seufzte er. "Baumarktverkäufer sind scheue Rehe. Dem Himmel sei Dank!"

Copyright 2006-2009 Stefanie Dettmers