Kater, Version 1.0

Der Kater war eingescannt worden.

Es war ganz und gar unmöglich, aber er war fort und darüber konnte kein Zweifel bestehen. Der Platz, auf dem er eben noch gesessen hatte, war leer. Und die Glasplatte des Scanners strahlte gleich einem leuchtenden Fanal ihrer eigenen Unzulänglichkeit.

Warum hatte sie nicht besser aufgepasst?

Der Kater hatte dort schon immer gerne gesessen, auf dem heruntergeklappten Deckel des Scanners - auf dem heruntergeklappten! Aber niemals, wirklich niemals hatte er sich auf die Glasplatte gelegt. Die Glasplatte war völlig uninteressant gewesen - bis zu diesem Tag. Drei Schritte in die Küche, wo der Schmorbraten brodelte, und jetzt war der Kater weg und das Licht des Scanners an. Und wer hatte die Abdeckung offen gelassen? Sie selbst!

Das schrie nach Verrat, nach Verrat an dem geliebten Pelztier. Die arglose Schnurrmaschine hatte sich völlig vorbehaltlos auf den geliebten Stammplatz begeben. Er hatte nicht wissen können, dass die Abdeckung hoch geklappt war, das Technikding bereit zur Arbeit!

Aber wer hatte dann den Knopf betätigt?

Es konnte nicht anders sein: Eine seiner pelzigen Halbpersianerpfoten musste den Startknopf gedrückt haben, versehentlich, bei der Landung auf dem Scanner.

Was machte es da schon aus, dass das die Kartoffeln verkocht waren und der Braten im Top vor sich hin kokelte? Der Kater war fort! Und die Küche ließ sich mit einem beherzten Schuss aus der flexiblen Spültischarmatur leicht löschen.

Zurück ins Arbeitszimmer, um ein wenig zu weinen. Da passiert es, sie sah es aus den verheulten Augenwinkeln. Auf der Oberfläche des Monitors, gleich einem Geist, schob sich etwas ins Bild. Langsam. Eine Pfote vor die andere. Die Botticelli-Engel der Desktopwallpaper wurden von der plötzlichen pelzigen Anwesenheit nachgerade geschluckt. Gleichermaßen verblüfft und verzweifelt, sank sie auf ihren Schreibtischstuhl und starrte auf den Bildschirm. Und seinen völlig neuartigen Bildschirmschoner.

Andere Menschen hätte das für innovativ gehalten.

Sie schrie.

Ihre fliegenden Finger fanden das Telefon nicht so schnell, wie ihr Kopf es befahl, zweimal polterte es auf dem Weg in die feste Umklammerung ihrer Hand zu Boden. Dann drückte sie entschlossen die nötige Kurzwahltaste. Gut, dass sie die Nummer gleich bei der Anschaffung des Computers gespeichert hatte.

"Computernotdienst. Sie fluchen, wir verbuchen."

Ah, gütiger, junger Gott am anderen Ende! "Schnell!", rief sie. "Sie müssen kommen! Etwas Schreckliches ist passiert!"

"Junge Frau, es ist Sonntag. Und Feiertag, ein sonntäglicher Feiertag - wissen Sie was …"

Eine hellgetigerte Pfote kratzte an ihrer Bildschirmscheibe.

"Geld spielt keine Rolle!" Für diesen spitzen Aufschrei würde er berechtigter Weise Schmerzensgeld verlangen können. Aber er machte ihn auch schnell.

Nur eine Stunde des rastlosen Auf- und Abwanderns vor dem Chippendaleschreibtisch, dem Aufstellungsort des Computermonstrums, war vergangen, als es endlich klingelte. Es hatte sie nur die sorgfältig herangezüchteten Fingernägel beider Hände gekostet und einmal hatte sie sich sogar dazu hinreißen lassen, sich vor dem Computer zu Boden zu werfen und ihn anzuflehen, den Kater wieder auszuspucken.

"Ach, wie niedlich!", war der Kommentar, den sie in ihrer Situation am allerwenigsten hören wollte. Aber der Notdienstmitarbeiter, in schlotternden Jeans und ausgewaschenem T-Shirt, schien kaum das nötige Feingefühl aufbringen zu können. Und auch nicht die nötige Kompetenz. Eine weitere, geschlagene Stunde fuhrwerkte er an der Höllenmaschine herum, ohne jeden erkennbaren Sinn und Zweck. Schließlich schraubte er sogar den Scanner auf.

Sicher wollte er nur Zeit schinden.

Der Kater hatte mittlerweile einige Programme geöffnet. Er lag jetzt auf dem Kaminsims des Tatorts in dem Krimi-Adventure, dass sie zuletzt vor einem halben Jahr gespielt hatte. Scheinbar war er mit dem Programm wesentlich zufriedener, als sie. Und in ihrem Officepaket hatte er eine neue Schriftart angelegt. Sie hieß Catprint Bold.

Schließlich ging der Technikmann, ein ums andere Mal den Kopf schüttelnd, aber um 200 Euro reicher. Schließlich war Sonntag. Und Feiertag.

Die Nacht war grausam ohne den geliebten Kater in ihrem Bett. Den Computer auszuschalten, hatte sie nicht gewagt. So saß das Tigertier auch tags darauf noch hinter der Mattscheibe. Er hatte "Was koche ich heute?" geöffnet, er hatte Hunger!

Oh nein! Oh nein, oh nein, oh nein! Die kulinarischen Extravaganzen einer echten Katze nachzuvollziehen, war üblicherweise schon recht problematisch, aber nun? Sie versuchte eine Schale Whiskas einzuscannen, aber das verdammte Technikding wollte nicht so wie sie - und der Kater.

Lange, sehr lange Zeit saß sie vor dem Monitor, bar jeglicher Ideen. Doch langsam kam ihr der Gedanke. Der Kater gestattete ihr, den Browser zu öffnen, er schnurrte durch die Favoritenliste, während sie die Gelben Seiten aufrief. Die Lösung stand ihr klar vor Augen, denn eins war klar: Dem Kater gefiel das Leben auf dem Desktop. Er sah zufriedener aus, als je zuvor. Sie konnte ihn schnurren hören, wenn sie die Lautsprecher anschaltete.

Der Crashkurs an der Volkshochschule dauerte eine Woche. Der digitalisierte Hausgenosse hatte in dieser Zeit deutlich abgenommen, aber schließlich war er selbst Schuld, dass er eingescannt worden war.

Nun war es soweit, mit fliegenden Finger startete sie ihr erstes, selbstgeschriebenes Programm: Whiskas 1.0. Die Gourmetausführung würde noch eine Weile auf sich warten lassen, aber fürs erste dürfte der Hunger in den Griff zu kriegen sein.

So eine Computerkatze konnte auch ihre Vorteile haben. Das Katzenklo reinigte, just in diesem Moment, der Butler des Krimi-Adventures. Zufrieden lehnte sie sich zurück und begutachtete ihr Werk. Also kein Dreck mehr und Pipi auf dem Sofa? Nur noch Schnurren und Miauen, wenn sie es wollte? Ihre Freundin mit der Katzenallergie könnte mal wieder zu Besuch kommen. Und vielleicht, ja vielleicht konnte sie den Kater auch per Blue Tooth auf ihr Handy übertragen und nun überall mit hinnehmen. Das würde ihm bestimmt gefallen und ihr auch …

Copyright 2006-2009 Stefanie Dettmers